Hannovera locuta, causa finita

Getrennt bei den Farben - Vereint in der Sache!

20:09, 23-Apr-2007 .. 0 Kommentare .. Link
Fussballfans im Abseits

Fussballrepublik Deutschland in Sommer 2005, die 41.Bundesligasaison ist just beendet worden, der Confederations Cup der FIFA steht vor der Tür und in nur einem Jahr findet die Weltmeisterschaft in unserem Heimatland statt. Man müsste meinen ganz Deutschland befindet sich im kollektiven Fussballfieber und zählt ungeduldig die Tage bis zum Großereignis im Sommer 2006, während man sich nebenbei auf die neue Saison als Appetithäppchen freut. Doch leider dürfte so manchem Fussballfreund die Vorfreude auf die WM vergangen sein, allein schon weil sie ohne ihn stattfinden wird. Zahllosen Fans blieb ein Ticket für die 64 Spiele des WM-Turniers verwährt, kein Wunder wenn nur etwa ein Drittel der Karten in den regulären Verkauf geht. Bei der WM der Vips und Sponsoren bleibt nicht mehr viel Platz für den gemeinen Fan.
Doch leider stellt für viele Fans in den Stadien das fehlende Ticket für die WM-Endrunde nicht das größte Problem dar. Sie Fragen sich eher, insbesondere bei Auswärtsspielen, was die Polizei sich denn diesmal "Schönes" überlegt hat. Vermutlich wird man wieder wie ein Schwerbrecher behandelt, vielleicht gerät man auch wieder in Tumulte, an denen die Ordnungshüter nicht ganz unschuldig sind. Oft sind es keine rosige Aussichten für den aktiven Fan, längst werden Fans völlig unverhältnismäßig mit polizeilicher Repression bedacht. Angeblich soll es in Deutschland über 6000 gewaltbereite Hooligans geben, sie alle sind in Datei Gewalttäter Sport der Polizei gespeichert. Über 7000 sollen es nach Angaben der Polizei noch bis zur WM werden. Was nach Planzahlen klingt, scheinen auch eben solche zu sein. Um in diese ominöse Datei zu kommen, reicht oft eine schlichte Personalienkontrolle im Rahmen eines Fussballspieles. Polizeiliche Willkür bleibt da leider nicht aus und viele Unschuldige haben mit den Konsequenzen eines Dateieintrages leben. Diese können zum Beispiel ein Ausreiseverbot oder Meldeauflagen bei brisanten Spielen sein. Auch Stadionverbote werden häufig vorschnell und zu Unrecht ausgesprochen. So werden an sich gute Maßnahmen zum Schutze der friedlichen Fans immer mehr zur Bedrohung für die eigentlich friedlichen Fans. Waren es einst Gewaltdelikte für die ein Stadionverbot ausgesprochen wurde, so können es heute Lapalien wie Sticker kleben oder diskutieren mit der Polizei sein. Die Stadionverbote werden dann ohne Anhörung auf Empfehlung der Polizei ausgesprochen und nachdem, wie in sehr vielen Fällen üblich, das Verfahren feingestellt wurde oder ein Freispruch erfolgte, wird es leider nicht wieder automatisch aufgehoben und oft bleibt höchstens der kostspielige Schritt zu zivilrechtlichen Maßnahmen, um eine Aufhebung zu erreichen.
Normalerweise gefundes Fressen für jeden investigativen Journalisten, doch leider scheint sich der pöbelnde und randalierende Fussballfan besser zu verkaufen (schließlich wurde dieses Klischee von langer Hand mühselig aufgebaut), als kreative und farbenfrohe Fans, die Opfer von Repression und Willkür durch den DFB oder die Polizei werden. Kommt man zu dieser Erkenntnis, hilft eigentlich nur eins, nämlich selbst die Öffentlichkeit wachrütteln und versuchen diese Missstände zu ändern.
So kam es dazu, dass einige Faniniativen für den 16.Juni 2005 zur Demonstration für mehr Fanrechte aufriefen. Die Demo sollte in Frankfurt am Main stattfinden. Ort und Datum waren sehr bewusst gewählt, schließlich sollte am selben Abend das Eröffnungsspiel des Confederation Cups steigen und so konnte man medienwirksam vor der Haustür des Deutschen Fussballbundes für seine Anliegen durch die Straßen ziehen. Dafür nahm man auch in Kauf dass der Termin unter der Woche (ein Mittwoch) vielen die Teilnahme aus beruflichen Gründen verwährt blieb. Dennoch waren es über 1500 aktive Fans aus dem ganzen Bundesgebiet, die den Weg in die Mainmetropole fanden und sich ein T-Schirt in ihren Vereinsfarben überstreiften. Dadurch ergab sich ein sehr farbenfrohes Bild welches von zahlreichen Spruchbändern untermalt wurde. Auf ihnen waren Statements wie "Gegen übertriebene Medienhysterie", "Fussball - Unsere Religion. Zerstört durch Willkür & Repression" oder "Vorhang auf - Knüppel drauf?!" zu lesen. Immer wieder waren auch Slogans wie "Stoppt Polizeigewalt!" oder "Gegen den modernen Fussball" zu erspähen. Doch der Demozug präsentierte sich nicht nur optisch bunt und kreativ, sondern auch lautstark. Immer wieder wurde diverse Parolen skandiert oder gesungen, am beliebtesten waren sicherlich "Fussballfans sind keine Verbrecher" (ebenfalls ein häufiges Plakatmotiv) oder "Gegen Polizeigewalt".
Der Leitspruch der Demonstration "Getrennt bei den Farben - Vereint in der Sache" (auch Rückenmotiv auf den Demoshirts) bewährte sich voll und ganz. Egal ob aus Rostock, München, Köln oder Frankfurt, die Fans von zig unterschiedlichen Vereinen von der Bundes- bis zur Oberliga sangen und marschierten friedlich zusammen und Rivalitäten aus dem Ligaalltag oder alte Feindschaften spielten heute keine Rolle. Jedem schien bewusst zu sein, dass das heutige Anliegen wichtiger als etwaige Dissonanzen war. Dies nahm auch die Polizei zur Kenntnis, die lobende Worte für die friedliche Demonstration fand. Nach einem über zweistündigen Marsch endete die Demo am Frankfurter Hauptbahnhof mit einer kollektiven Humba als "Abschluskundgebung", sowie dem Versprechen, dass dies nicht die letze Aktion für Gerechtigkeit gegenüber Fussballfans war. Und so konnte auch der circa 30köpfige Tross aus Hannover zufrieden die Heimreise antreten.
In den nächsten Tagen gab es sehr erfreuliches bundesweites Medienecho und viele unserer Anliegen, sowie die Missstände im Fussballalltag, fanden den Weg in die Öffentlichkeit. Es gab einige Wochen nach der Demo sogar einen objektiven Bericht über die willkürliche Datei Gewalttäter Sport im ARD-Magazin Monitor, der auch endlich den Nicht-Betroffenen das oft ungeheuerliche Verhalten und Handeln von DFB und Polizei näher brachte. Auch der von Fanseite viel kritisierte Bundesinnenminister Otto Schily bat Fanvertreter zur Audienz und regte die Einrichtung einer Ombudsstelle für Fussballfans an. Inwiefern dies realisiert wird, ist zwar noch vorerst ungewiss, aber generell darf unter anderem dieses schon mal als kleiner Erfolg gewertet werden. Ob sich wirklich etwas ändert, wird allerdings der Ligaalltag zeigen. Und Speksis ist diesbezüglich leider weiterhin mehr als angebracht. Gut zu wissen, dass sich die Fanszenen der Bundesrepublik nicht scheuen werden weiter zu protestieren.

Artikel von mir aus dem Sommer 2005 zur Fandemo in Frankfurt am Main
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