Hannovera locuta, causa finita

Hannover 96 - Eine Fußballmannschaft soll sich zum Spekulationsobjekt und Amüsierbetrieb wandeln

10:57, 17-Dec-2007 .. 0 Kommentare .. Link
Seit geraumer Zeit quengelt unser Präsident und Geschäftsführer Martin Kind, ein wenig seinem Nachnamen gerecht werdend, bei der DFL bezüglich einer gravierenden Änderung der Statuten. In Zukunft soll es möglich sein, dass die zu verschiedenen betrieblichen Gesellschaftsformen ausgegliederten Profiabteilungen zahlreicher Fussballvereine bis zu 100% veräußerbar sind. Bisher müssen über 50% der Kapitalgesellschaften vom Stammverein gehalten werden (also bei uns vom Hannoverscher SV von 1896 e.V.), so dass der auf demokratischen Gestaltungsprinzipien basierende Verein immer das letzte Wort haben kann und der professionelle Fußball in Deutschland nicht Gefahr läuft zum Spekulationsobjekt profitorientierter Investoren zu verkommen. Über die Gefahren für den Fußball einer gänzlichen Öffnung zum Kapitalmarkt berichtete der Kurvengedanke bereits in der Ausgabe 73 (wer ihn nicht hat, findet ihn zum Download unter www.ultras-hannover.de).

Bisher konnten Martin Kinds Verstöße in diese Richtung bei der DFL nur eine Minderheit an Sympathisanten gewinnen, so dass eine freiwillige Änderung der DFL-Statuten kurzfristig nicht absehbar war. Unser Geschäftsführer der Hannover 96 GmbH & Co. KGaA und Vereinspräsident in Personalunion erhöht daher nun den Druck auf die DFL und könne sich auch vorstellen vor Gericht zu ziehen, um die sogenannte 50+1-Klausel abzuschaffen, sollte es zu keiner Einigung im Konsens kommen. Mit anderen Worten stellt er die DFL vor die Wahl die Klausel freiwillig zu beseitigen oder sich einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit ihm stellen zu müssen. Dass die Klausel fallen muss, scheint für Kind unumgänglich, lediglich beim wie (sprich Auflagen und Einschränkungen der Investments) gibt es wohl noch Verhandlungsspielraum. Man wird nun sehen wie die Deutsche Fußballliga mit der Pistole auf der Brust reagieren wird. Kinds Chancen die Klausel vor dem europäischen Gerichtshof zu kippen, dürften jedenfalls nicht schlecht stehen, so dass Bewegung der DFL zu erwarten ist.

Doch wem nutzt diese Revolution des Clubfussballs eigentlich, welche Vorteile könnten sich ausgegliederte Profiabteilungen erhoffen? Erhöht werden kann auf jeden Fall das Kapital der Gesellschaften, da fortan über das Doppelte an Anteilen zum Verkauf steht. Mit diesem frischen Kapital möchte Kind unseren Etat um einige Millionen erhöhen und somit von der Finanzkraft zu den Großen der Liga aufschließen. Das Geld würde man natürlich in die Mannschaft investieren um die sportliche Qualität zu erhöhen und somit eine Grundlage zu schaffen, um dauerhaft national oben und auch international mitspielen zu können. Zwar geht die Gleichung zwischen Geld und Erfolg im Fußball auch oft nicht auf, aber grundsätzlich ist mehr Kapital natürlich schon ein wichtiger Baustein für eine sportliche Weiterentwicklung (gerade wenn es schnell gehen soll). Absurd ist es allerdings zu glauben, dass nur Hannover 96 sich diesen Wettbewerbsvorteil sichern würde. Auf der einen Seite würden sich anderen Teams aus der Mitte der Liga nicht zugucken wie Hannover ihnen enteilt, sondern auch sie würden natürlich Investoren ins Boot holen und gemeinsam mit 96 aufschließen. Alleine würde 96 also wohl kaum in die Phalanx der Großen einbrechen wollen und können. Die Clubs an der nationalen Spitze wiederum, werden wohl kaum tatenlos zusehen wie die Spitze immer breiter wird und sie sich plötzlich mit zehn anderen Mannschaften um die Meisterschaft und die Europapokalteilnahme balgen müssen. Auch diese Clubs würden sicher Investoren ins Boot holen und wären um einiges attraktiver als Hannover 96, so dass ganz andere Summen erzielt werden könnten. Kurzum, dass Status Quo wäre vielleicht schneller wieder erreicht, als 96 lieb sein könnte. Lediglich im internationalen Wettbewerb könnte diese generelle Kaufkraftsteigerung der Bundesliga von Vorteil sein, aber auch die internationalen Plätze sind limitiert, so dass vielleicht ein Platz mehr rausspringt bzw. die derzeitige Anzahl gegen Verfolger wie Rumänien verteidigt werden kann (ein Blick auf die Finanzen der rumänischen Clubs dürfte veranschaulichen, dass Geld anscheinend nicht das einzige Kriterium für internationale Wettbewerbsfähigkeit sein kann).

Ein wesentlich größerer Profiteur der neuen Fußballwelt als die deutschen Clubs wären jedenfalls die Spieler, denn wie einst beim Bosman-Urteil dürften sie sowohl in der Spitze als auch in der Breite teurer für die Vereine werden. Und diejenigen die in Clubs investieren werden, wollen auch zu Gewinnern werden und sind sicher keine Wohltäter. Da hilft es auch wenig, dass Kind eine Mindestdauer für Investments vorschlägt, um die Spekalutionsgefahr einzudämmen. Der Investor will sein Geld nicht verschenken, sondern mit Hilfe von Hannover 96 oder anderen Clubs vermehren und er will dementsprechend bestimmen was mit seinem investierten Geld geschieht. Um Gewinne zu generieren, stünden mit Sicherheit unbequeme Entwicklungen ins Haus. Wie in Ausgabe 73 skizziert, wäre vieles möglich. Vereinsfarben, günstige Ticketkategorien, die Anstoßzeiten, Vereinsnamen (bzw. dann der Name der Profimannschaft), Wappen und vielleicht gar der Spielort der Mannschaft wären in Gefahr. Nicht auszuschließen dass Lizenzen (wie die der Hannover 96 GmbH & Co KGaA) dann einfach in andere Städte vergeben werden, in denen man sich bessere Einnahmen mit seiner zum Amüsierbetrieb verkommenen Mannschaft erhofft. Was im US-Sport Usus ist und auch im englichen Profifußball schon praktiziert wurde, wäre auch in Deutschland nicht mehr utopisch. Solange die Mitgliedschaft eines Vereins das letzte Wort hat, ist so etwas dagegen kaum vorstellbar.

Es muss nicht alles so schlimm werden, aber allein schon diese Szenarien zu ermöglichen wäre unverantwortlich. Daher ist es Pflicht eines jeden Liebhabers von Hannover 96 all diese Entwicklungen kritisch zu hinterfragen. Fraglich ob die vermeintlichen Pro-Argumente einer endgültigen Öffnung zum Kapitalmarkt sich behaupten können. Wir sehen jedenfalls keinen Wettbewerbsvorteil für Hannover 96 bei einem Verkauf an Investoren, die Gefahren dagegen kreisen über uns wie ein Damoklesschwert.



50+x - Die Zukunft des Sports?

11:02, 16-Dec-2007 .. 0 Kommentare .. Link

Ausgerechnet in Ostniedersachsen, da irgendwo im Nirgendwo, sehen viele die Wiege einer kommerziellen Entwicklung, deren Tempo den Fußball fast schon überrollt hat. In der niedersächsischen Provinz war es ein erfolgreicher Likörproduzent, der seinen Hirschkopf gerne auf den Trikots eines aktuell in die Viertklassigkeit taumelnden Vereins sehen wollte. Darüber hinaus sollte sogar der Verein selbst nach seiner Firma Jägermeister benannt werden. Letzteres konnte der wachsame DFB zwar unterbinden, aber durch einen Trick konnte die ebenfalls vom Fußballbund abgelehnte Trikotwerbung platziert werden. Denn der ostniedersächsische Bundesligist verscherbelte sein Emblem einfach an Jägermeister und fortan war der Hirsch das offizielle Vereinslogo.

Nun kann man sagen dass das "böse Geld" schon früher Einzug im deutschen Fußball gehalten hatte und Sponsoring auch schon vor Günter Mast statt fand, aber der unsägliche Verkauf von Tradition zu Gunsten eines Geldgebers feierte damals wohl Premiere. Trikotsponsoring folgte schnell auch bei anderen Bundesligisten und da niemand einen Wettbewerbsnachteil durch eine blanke Brust haben wollte, war die Trikotwerbung schnell flächendeckend etabliert. Genauso wie sich in unseren Tagen der Virus der Stadionumbennungen zu Gunsten von Sponsoren vollzieht, wo auch niemand ein oder zwei Millionen weniger auf der Habenseite verbuchen will als die Konkurrenz, weil man lieber im Niedersachsen-, Ostsee- oder Waldstadion als in der "Firma XY Arena" spielt.

Profifussball ohne zweistellige Millionenumsätze ist heute einfach nicht mehr möglich und das Rad lässt sich auch nicht mehr zurückdrehen. Darum sollte man wenigstens versuchen den Status Quo zu wahren und den Sponsoren oder anderen Investoren nicht noch mehr Macht zu offerieren.

Leider scheint mit den werbeüberladenen Bundesliga-Events unserer Tage immer noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht zu sein, denn mittlerweile drohen uns in Deutschland die "Fußballheuschrecken". Investoren die nicht wie der Sponsor durch Werbung ihren Nutzen aus Finanzspritzen in Fußballvereine ziehen wollen, sondern Geldgeber die aus ihrer Anlage Rendite erwirtschaften wollen.

Zweimal nur war Günter Mast im Stadion von Eintracht Braunschweig, als er Klubpräsident war. Er hat mitbekommen, dass der Klub eben aus der Zweiten Liga abgestiegen ist. „Fußball hat mich eigentlich nie interessiert“, sagt er, er war Mittel zum Zweck.

[...]

Als Eintracht Braunschweig sich weigerte, den Verein in Jägermeister Braunschweig umzubenennen, begann Mast die Verträge nach und nach aufzulösen. Da war die Geschichte für ihn zu Ende.

Süddeutsche Zeitung 29.07.2003

Zur Zeit ist diese Spezies noch von der Bundesliga abgeschreckt, da hier auch bei einer Fußballkapitalgesellschaft über 50% der Anteile (und somit die Entscheidungshoheit) beim Stammverein verbleiben müssen. Wer sein Geld investiert um es zu mehren, will natürlich auch die Weichen stellen um Gewinne (Rendite) zu erwirtschaften. Da können dann schon mal das Vereinslogo oder die Trikotfarbe verhökert werden oder die Eintrittspreise können weiter auf englisches Niveau gehoben werden (insofern die Nachfrage vorhanden ist). Und das Ganze stets im heiteren Wechsel, da natürlich immer die Firma den Zuschlag erhält, die am meisten löhnt. Heute "AWD Hannover 96", morgen "TUIflyers Hannover" und übermorgen "IKEA-Kickers Hannover" (stilecht in blaugelben Trikots). Horrorvorstellungen denen die Statuten der DFL zum Glück noch einen Strich durch die Rechnung machen, aber einige Funktionäre rütteln leider bereits daran. Martin Kind und DFL-Präsident Wolfgang Holzhäuser seien hier beispielsweise genannt.

Unser Präsident erhofft sich von einem Verkauf von 51% bis 100% unseres Vereins (bzw. der Hannover 96 Kapitalgesellschaft) einige Milliönchen mehr um zur Konkurrenz aufzuschließen und den Etat weiter an die Großen anzugleichen. Er möchte damit Wettbewerbsnachteile gegenüber Bayern, Hamburg oder Schalke auffangen und sich Vorteile gegenüber Bielefeld, Nürnberg und Co verschaffen. Dieser Gedanke klammert allerdings aus, dass sicher wie bei der Trikotwerbung oder der Vermarktung von Stadionnamen niemand lange einen Wettbewerbsnachteil gegenüber der Konkurrenz anschaut und andere nachziehen werden, so dass am Ende nur jene einen Vorteil haben, die davon profitieren dass im Fußball noch höhere Summen umgesetzt werden.

Die Bielefelds oder Nürnbergs werden aber ganz sicher nicht zuschauen wie Hannover ihnen durch höheres Kapital enteilt. Man wird den Gesetzen des Marktes folgen und sich auch an einen der Schlange stehenden Investoren verkaufen. Schneller als jedem Fan lieb sein kann wird der deutsche Fußball russischen Oligarchen, österreichischen Energydrink-Milliardären oder us-amerikanischen Medienmogulen gehören und die totale Kommerzialisierung eines Sportes ist abgeschlossen.



Und dann die Handys zum Himmel...

14:23, 18-Sep-2007 .. 0 Kommentare .. Link
Die Erfolgsgeschichte des Internets hat zweifelsohne auch in der Fankultur ihre Spuren hinterlassen. Fanclubs haben die Möglichkeit sich auch außerhalb des Stadions in der virtuellen Welt zu präsentieren. Anstatt am Bierstand oder am Stammtisch wird in Foren diskutiert und um Fotos oder Videos von den Spielen zu sehen reichen auch wenige Klicks im weltweiten Netz. Kann man über Flüche und Segen der Selbstdarstellung im Internet und des Informationsaustausches in Foren sicher lange vortrefflich streiten, entwickelt sich Letzteres einfach nur noch zum Hemmschuh für die Fankultur.
Das "Web 2.0", in dem jeder Internetbenutzer über diverse Plattformen selbst Inhalte (speziell Medien) online stellen kann, hat einhergehend mit der Entwicklung des Mobiltelefons zum Multimedia-Alleskönner im Taschenformat dafür gesorgt, dass etliche Stadionbesucher in der Lage sind Videoaufnahmen im Stadion zu machen und es auch keine großartigen Informatik-Kenntnisse braucht um diese Erzeugnisse im Web für Jedermann zu veröffentlichen. Gierig fragen schon kurz nach Spielschluss diverse Nutzer von Fanforen nach Bilder und Videos vom Spiel und nach nicht all zu langer Zeit wird ihr Verlangen mit Verknüpfungen zu den großen Videoplattformen wie "Youtube" oder "Myvideo" gestillt. Dort darf man dann sowohl bild- und soundqualitätsarme Videosequenzen schauen auf denen die Protagonisten des Fanblocks beim optischen und akustischen Unterstützen ihrer Mannschaft zu sehen sind.
Ebenso sind aber auf den Videos auch schon zig Andere Herrschaften zu sehen die genau wie der Filmer ihre Handys in die Luft getreckt haben, um den Support zu filmen. Man hat das Gefühl, dass die Zahl der kleinen Filmemacher von Woche zu Woche wächst und im Umkehrschluss dazu schrumpft die Zahl der aktiv Supportenden. Denn wer filmt kann schlecht gleichzeitig ausreichend am unterstützen teilnehmen. Übertreibt man das Szenario ein wenig, können sich die Handyfilmemacher bald gegenseitig im Fanblock filmen, da es dann kaum noch jemand als seine Berufung ansieht im Fanblock die Mannschaft zu unterstützen, sondern alle nur "geilen Support" filmen wollen, der dann mit anderen miesen Videos bei Youtube und Co konkurriert.
Die Macher der Handyvideos und Fotos glauben vielleicht sogar, dass zeitnahe Videos bei Youtube der Reputation der Fanszene dienlich sind, aber das ist ein Trugschluss. Videos und Fotos die einen Fanblock halb voll mit Supportenden und halb gefüllt mit Handyfilmern zeigen, sind nur lächerlich. Da hilft es auch nichts, dass nahezu alle Szenen mit der Flut mieser Videos und einer Filmemacherinflation zu kämpfen haben. Außerdem kann es für viele im Block ein Hemmschuh sein, wenn ständig mehrere Linsen auf einen gerichtet sind und man sich nach dem Spiel in Großaufnahme im Netz bewundern kann. Nicht jeder kann unter diesen Umständen so aus sich heraus gehen, wie es für anständigen Support wünschenswert wäre.
Überlasst das Filmen und Fotografieren doch bitte weiterhin denen die das schon länger und einigermaßen professionell machen und konzentriert euch darauf aktiv Teil einer lautstarken und emotionalen Masse zu sein, denn die braucht unsere Mannschaft im Gegensatz sound- und bildtechnisch minderwertigen Handyvideos. Diejenigen die wirklich gute Fotos und Videos machen haben dann auch wieder viel bessere Motive, wenn Ihr anstatt zu filmen wieder voll mitzieht und anstatt Handys beim Torjubel wieder mehr Fahnen und jubelnde Hände in die Höhe gehen.

Good Night Austria, Good Morning Red Bull

20:47, 23-Apr-2007 .. 0 Kommentare .. Link
Die etwas Älteren und auch einige Jüngere unter uns werden sich bestimmt noch gut an die UEFA-Cup-Spielzeit 1993/94 erinnern. Damals bezwang der Karlsruher SC nacheinander den PSV Eindhoven, den FC Valencia (mit dem legendären 7:0 im Rückspiel), Girondins Bordeaux und Boavista Porto und ein gewisser Edgar Schmitt gewann unter dem Spitznamen “Euro-Eddy” durch seine zahlreichen Tore für den KSC an nationaler Popularität. Im Halbfinale war dann allerdings Endstation für die Badener. Man musste sich sehr unglücklich durch ein 0:0 auswärts und einem 1:1 zu Hause dem österreichischen Vertreter Casino Salzburg geschlagen geben, der Europapokal-Auswärtstore-Regel sei Dank. Dieses Casino Salzburg wiederum scheiterte knapp im Finale an Inter Mailand (zwei 1:0 Niederlagen in Hin- und Rückspiel). Dennoch kann diese Finalteilnahme als größter internationaler Erfolg des SV Austria Salzburg (so hieß der Verein seit seiner Gründung 1933 bis zum Jahr 1978, als die Österreichische Spielbanken AG sich beim Verein einkaufte) verbucht werden. Auch auf nationaler Ebene lief es 93/94 für die Violetten aus Salzburg prächtig, unter Coach Otto Baric konnte man den Ersten von insgesamt drei österreichischen Meistertiteln erringen. Diesen Titel verteidigte man auch in der darauf folgenden Spielzeit, in der man nebenbei noch die Luft der Champions League atmete, allerdings in der Gruppenphase gegen die späteren Finalisten AC Mailand und Ajax Amsterdam, sowie gegen AEK Athen den Kürzeren zog. Danach ging es leider kontinuierlich abwärts für die Salzburger. Die Violetten konnten zwar 1996/97 als Außenseiter ihre dritte Meisterschaft gewinnen, aber die kommenden Jahre waren eher von Abstiegskampf und Existenzangst, denn von Triumphen und internationalen Weihen geprägt. 1997 war auch das Jahr in dem Wüstenrot die Österreichische Spielbanken AG als Namenspatron und Großsponsor ablöste, was auf die sportliche Talfahrt aber keinerlei Auswirkung hatte. Das Salzburger Publikum musste sich mit Mittelmaß und Abstiegskampf zufrieden geben. Da es finanziell durch Misswirtschaft bedingt auch wenig rosig aussah, erschien der Einstieg des erfolgreichen und sehr solventen Red Bull Konzerns im April 2005 als Segen. Red Bull Chef Dietrich Mateschitz hatte scheinbar den Volkssport Fußball für sich und seine Firma entdeckt, denn bisher war der Energy Drink Red Bull eher als Sponsor von Extrem- und Trendsportarten und durch sein Red Bull Formel 1 Team (ehemals Sauber) bekannt. Man machte auch sogleich die Schatulle großzügig weit auf und ließ den Verein etliche neue namhafte Spieler verpflichten (u.a. die ehemaligen Bundesliga-Profis Thomas Linke, Alexander Zickler, Vratislav Lokvenc, Markus Schopp und Aleksander Knavs). Man wollte ein erfolgreiches Team aufbauen, welches kurzfristig den Meistertitel holen soll und mittelfristig in der Champions League ein gehöriges Wörtchen mitreden möchte, so dass für die Marke Red Bull ein gewaltiger Imagegewinn herausspringt und die Umsätze des Konzernes weiter steigen. An sich nichts Ungewöhnliches, Sponsoring im Spitzensport ist schließlich auf diesem Prinzip aufgebaut und ohne Sponsoren geht es ja bekanntlich nicht mehr. Doch leider blieb es diesmal nicht beim Namenssponsoring des Vereins (in Österreich ja generell fast ausnahmslos Gang und Gebe), sowie Trikotsponsoring und Bandenwerbung o.ä., sondern die Farben der Trikots wurden von den Vereinsfarben violett-weiß auf rot-weiß und blau geändert und das Stadion wurde in eine Art Diskothek verwandelt (mit laut aufgedrehter elektronischer Musik und Lichtshows). Ein riesiges Red Bull Logo säumt den Rasen auf Höhe des Mittelkreises und als Gründungsdatum des Vereins wird nicht mehr 1933, sondern das Jahr 2005 angegeben. Früh wurde klar, dass nicht nur der Hauptsponsor gewechselt wurde, sondern das einfach mal der ganze Verein ausgewechselt wurde.
Die aktiven Fans des SV Austria waren von Anfang an etwas besorgt über den Einstieg von Red Bull, sie sahen neben den Chancen auch früh die Risiken. Schließlich ist Red Bull nicht nur ein lokales Unternehmen, welches dem in Nöten befindlichen örtlichen Fußballclub finanziell ein wenig unter die Arme greift, sondern vielmehr ein weltweit agierenden Großkonzern mit Sitz in Salzburg. Und Großkonzerne und ihr Treiben werden bei der mittlerweile für viele Fans etwas zu rasant voranschreitenden Kommerzialisierung des Fußballsports mitunter sehr skeptisch betrachtet. So wurde die Vorfreude vieler Anhänger auf die neuen Stars, die neue Saison und die neuen Möglichkeiten der Austria dank Red Bull früh geschmälert. Es zeichnete sich leider ab, dass die alte Austria gewaltig umgekrempelt werden würde und das neue Gesicht scheinbar keinen Platz für die alte Austria ließ. Einziger Hoffnungsschimmer: Die Vereinsfarben violett und weiß wurden auch in den neuen Statuten des Vereins Red Bull festgeschrieben und so übte man sich vorerst in Geduld und wartete wie viel Austria wirklich noch in Red Bull Salzburg stecken würde. Doch der Schock kam spätestens bei der Vorstellung der neuen Trikots, weder in den Heim- noch in den Auswärtstrikots war auch nur ein Klecks violett zu finden. Stattdessen gab es rot-weiße Heimtrikots und einen dunkelblauen Ausweichdress. Nun entpuppte sich wieviel dieses kleine Zugeständnis mit den Vereinsfarben von Red Bulls Chef Mateschitz wirklich wert war, nämlich gar nichts. Während der Sommerpause ging dann die neue Homepage des Vereins online, auf dieser war nicht ein Hinweis auf die violette Vergangenheit zu finden und als Gründungsjahr wurde schlichtweg 2005 angeben. Mittlerweile gibt es auf der mit Anglizismen durchsetzten Internetpräsenz von RB Salzburg den Menüpunkt “Roots”, dass man diesen allerdings nicht “History” nannte, spricht für sich und die weitere offensichtliche Verleumdung der violetten Vergangenheit. Bei den wenigen Spielern, die aus dem Kader der Vorsaison noch bleiben durften, steht in der Vita als letzter Verein SV Wüstenrot Salzburg, was eigentlich eindeutig für sich spricht. Das neue Vereinswappen enthielt natürlich auch kein violett und das Akronym SV oder gar das Wort Austria erst recht nicht. Eigentlich ist es nur ein Red Bull Logo, ergänzt durch Zusatz Salzburg und einen kleinen Fußball. Beim ersten Testspiel der neuen “Austria” in Mondsee gab es dann sogleich auch die ersten Proteste. Circa 50 Traditionalisten stürmten nach 20 Minuten das Spielfeld und forderten per Spruchband und Sprechchören eine violette Austria bzw. ein violettes Red Bull Salzburg. Beim darauf folgenden Testspiel in Seekirchen gegen Hajduk Split wurde dann Anhängern mit violett-weißen Fanartikeln der Zutritt verwehrt. Begründet wurde dies danach mit einer Forderung der Vereinsführung, welche eben diese allerdings im Nachhinein abstritt. Dennoch ein sicher bemerkenswerter Vorgang, dass Fans mit Fanartikeln in den offiziellen Vereinsfarben kollektiv von Spiel ihrer Lieblingsmannschaft ausgeschlossen werden, irgendwoher musste diese Weisung ja stammen. Für den klassischen Fan schien scheinbar eh kein Platz mehr im neuen Konzept des Red Bull Konzerns. Die Stehplatzsektoren der Heimfans wurden erstmal auf weniger als die Hälfte reduziert und Fanartikel gab es zunächst auch nicht mehr. Man wollte nämlich keine grölenden oder betrunkenen Fans in Red Bull Utensilien sehen, dies sah man als zu negativ für das Image der Marke Red Bull an. Neue Fans sollten her, angelockt durch Shows, Stars und Sternchen, neue Topspieler, Animateure und das hippe Image des Energydrinks. Und diese neuen “Fans” kamen und kommen auch in Scharen. Gegen den Zuschauerschnitt des Clubs Red Bull Salzburg kann man nicht viel sagen, allerdings dürften die meisten eben nicht des Vereins und des Sportes halber kommen. Die meisten wollen wohl eher Teil des Events sein, unterhalten werden und Montag auf der Arbeit ihren Kollegen erzählen, dass sie sich von einem Animateur in Stierkämpferkostüm zur Welle animieren ließen und dass David Coulthard den Ehrenanstoss ausführte, mit einem Ball den ein Fallschirmspringer brachte. Anders lässt eher schlecht erklären, dass diese Leute vorher scheinbar kein Interesse an Salzburgs fußballerischer Nummer eins hatten nun auf einmal die Ränge des Salzburger EM-Stadions bevölkern. Nur die neuen Spieler und die vermeintlichen Aussichten auf kommende große Erfolge, werden es wohl kaum sein, die plötzlich viele Tausend neue Zuschauer anlocken, zumal es sportlich nach dem Saisonstart eher schlecht als recht aussah (mittlerweile ist man trotz etlicher Niederlagen zu Saisonbeginn ganz oben dabei in der Tabelle). Die Bedürfnisse dieser Leute scheint Red Bull jedenfalls hervorragend stillen zu können und wenn sich demnächst im internationalen Wettbewerb die Weltstars in Salzburg Wals-Siezenheim die Klinke in die Hand geben, dürfte der Besucherstrom der Gloryhunter und Eventfans auch so schnell nicht abnehmen. Was aber die traditionellen Fans, das Herz und die Seele des Fußballsports, und ihre Bedürfnisse angeht, scheint Red Bull keinerlei Verständnis zu zeigen. Die Initiative Violett-Weiß, ein Bündnis etlicher violetter Austria-Fans und Fanclubs, nahm man erst gar nicht ernst, sondern warf sie mit Randalierern und Unruhestiftern in einen Topf. Da dies aber nicht der Fall war und negative Presse gegenüber Red Bulls Verhalten sich häufte, ging man in Verhandlungen mit der Initiative über. Diese zogen sich allerdings lange ergebnislos hin, bis letztlich selbst das kleinste und bescheidenste Kompromissangebot der Initiative auch abgeblockt wurde und die Verhandlungen von beiden Seiten endgültig abgebrochen wurden. Doch wozu führe ich Verhandlungen, wenn ich scheinbar gar nicht bereit bin von meinem Standpunkt abzurücken? Dass ein kleines violettes Adidaslogo auf den Trikots und violette Torwartstutzen den Traditionalisten nicht genügen dürften, war von Anfang an klar. Man war aber nicht bereit auch nur einen Schritt weiter in die Richtung violetten Fans zu gehen. Da drängt sich der Verdacht auf, man wollte die Verhandlungen nur verschleppen und spätestens dann abbrechen wenn der sportliche Erfolg für Ruhe im Umfeld und in der Presse sorgt und man somit nicht mehr auf die Fanbasis angewiesen ist und ihre kritischen Stimmen fortan durch Siege übertönen kann. Von den unzähligen Solidaritätsbekundungen aus ganz Europa (Hannovers Fans zeigten gegen Nürnberg, München und Wolfsburg Solidaritätsspruchbänder) und sogar teilweise aus Übersee, schien man bei Red Bull gar keine Kenntnis nehmen. Und an der österreichweiten Solidarität und dem schlechten Image des Vereins bei den gegnerischen Fans scheint man sich auch nicht zu stören, obwohl man diese kritischen Fans nicht so leicht aussperren kann wie die eigenen.
In Salzburg gab es nach dem Scheitern der Verhandlungen mit dem Verein noch mal einen Abgang mit Getöse. Die Violetten unter den Fans hatten noch ihren letzten großen Auftritt und in der 72.Minute beim Spiel gegen Austria Wien (72 Jahre existierte der SV Austria Salzburg von 1933 bis 2005) wurde Rauchpulver in violett und weiß entzündet und einige Bengalische Lichter wurden auf dem Platz entsorgt. Ebenso gab es deftige Spruchbänder gegen Mateschitz & Co und natürlich brachial laute Sprechchöre gegen Red Bull. Vereinzelt kam es auch zu Tumulten mit der Polizei und den Ordnungskräften. Das war es nun endgültig für Österreichs zweitbeste Fankurve. Sicher für viele Außenstehende nicht ausnahmslos ein Abgang mit Stil, aber noch stilloser zeigten sich später die Vereinsverantwortlichen, denn diese wollten die Aktionen und die Ausschreitungen der Initiative Violett-Weiß in die Schuhe schieben, welche allerdings mit Gewalt nie etwas am Hut hatte und auch immer wieder zum Gewaltverzicht aufrief. So konnte Red Bull noch mal kräftig nachtreten und den ehemaligen fairen Verhandlungspartner in der Öffentlichkeit verunglimpfen. Ebenso nutzte man die Vorfälle vom Spiel gegen Austria Wien, um die Stehplätze für die Heimfans endgültig abzuschaffen.
Die violetten Traditionalisten werden nun doch den Rat von Trainer Kurt Jara (der seit seinem Antritt wie schon in Hamburg und Kaiserslautern lieber die Konfrontation als den Dialog mit den Fans suchte) befolgen, dieser meinte nämlich wer eine violett-weiße Austria haben will, solle doch seinen eigenen Verein gründen. Und dahingehend laufen nun alle Kräfte der mittlerweile eng zusammengeschweißten Anhängerschaft der Austria. Austria Salzburg wird bald wieder auferstehen und hoffentlich eine erfolgreiche Zukunft haben. Zurück lassen sie eher ein Produkt, als einen Verein und eine Anhängerschaft, die mit Fankultur wenig zu hat. Diese Leute sind eher Kunden der Red Bull Show und somit vielleicht schneller wieder weg als Didi Mateschitz neue Stars kaufen kann. Die ehemals Violetten die geblieben sind und nun ihre Plätze mit den zahlreichen neuen Zuschauern teilen müssen, freuen sich ob der neuen Topstars, des Erfolges und der guten wirtschaftlichen Situation. Sie sagen sich Austria Salzburg heiße nun eben Red Bull Salzburg, nicht mehr und nicht weniger. Für sie ist es nach wie vor der gleiche Verein, doch was bleibt einem Verein, wenn ihm die Tradition, der Name und die Farben genommen werden? Nicht viel, wirklich nicht viel...

Artikel von mir zur Verwandlung des SV Austria Salzburg zu Red Bull Salzburg aus dem Herbst 2005

Getrennt bei den Farben - Vereint in der Sache!

20:09, 23-Apr-2007 .. 0 Kommentare .. Link
Fussballfans im Abseits

Fussballrepublik Deutschland in Sommer 2005, die 41.Bundesligasaison ist just beendet worden, der Confederations Cup der FIFA steht vor der Tür und in nur einem Jahr findet die Weltmeisterschaft in unserem Heimatland statt. Man müsste meinen ganz Deutschland befindet sich im kollektiven Fussballfieber und zählt ungeduldig die Tage bis zum Großereignis im Sommer 2006, während man sich nebenbei auf die neue Saison als Appetithäppchen freut. Doch leider dürfte so manchem Fussballfreund die Vorfreude auf die WM vergangen sein, allein schon weil sie ohne ihn stattfinden wird. Zahllosen Fans blieb ein Ticket für die 64 Spiele des WM-Turniers verwährt, kein Wunder wenn nur etwa ein Drittel der Karten in den regulären Verkauf geht. Bei der WM der Vips und Sponsoren bleibt nicht mehr viel Platz für den gemeinen Fan.
Doch leider stellt für viele Fans in den Stadien das fehlende Ticket für die WM-Endrunde nicht das größte Problem dar. Sie Fragen sich eher, insbesondere bei Auswärtsspielen, was die Polizei sich denn diesmal "Schönes" überlegt hat. Vermutlich wird man wieder wie ein Schwerbrecher behandelt, vielleicht gerät man auch wieder in Tumulte, an denen die Ordnungshüter nicht ganz unschuldig sind. Oft sind es keine rosige Aussichten für den aktiven Fan, längst werden Fans völlig unverhältnismäßig mit polizeilicher Repression bedacht. Angeblich soll es in Deutschland über 6000 gewaltbereite Hooligans geben, sie alle sind in Datei Gewalttäter Sport der Polizei gespeichert. Über 7000 sollen es nach Angaben der Polizei noch bis zur WM werden. Was nach Planzahlen klingt, scheinen auch eben solche zu sein. Um in diese ominöse Datei zu kommen, reicht oft eine schlichte Personalienkontrolle im Rahmen eines Fussballspieles. Polizeiliche Willkür bleibt da leider nicht aus und viele Unschuldige haben mit den Konsequenzen eines Dateieintrages leben. Diese können zum Beispiel ein Ausreiseverbot oder Meldeauflagen bei brisanten Spielen sein. Auch Stadionverbote werden häufig vorschnell und zu Unrecht ausgesprochen. So werden an sich gute Maßnahmen zum Schutze der friedlichen Fans immer mehr zur Bedrohung für die eigentlich friedlichen Fans. Waren es einst Gewaltdelikte für die ein Stadionverbot ausgesprochen wurde, so können es heute Lapalien wie Sticker kleben oder diskutieren mit der Polizei sein. Die Stadionverbote werden dann ohne Anhörung auf Empfehlung der Polizei ausgesprochen und nachdem, wie in sehr vielen Fällen üblich, das Verfahren feingestellt wurde oder ein Freispruch erfolgte, wird es leider nicht wieder automatisch aufgehoben und oft bleibt höchstens der kostspielige Schritt zu zivilrechtlichen Maßnahmen, um eine Aufhebung zu erreichen.
Normalerweise gefundes Fressen für jeden investigativen Journalisten, doch leider scheint sich der pöbelnde und randalierende Fussballfan besser zu verkaufen (schließlich wurde dieses Klischee von langer Hand mühselig aufgebaut), als kreative und farbenfrohe Fans, die Opfer von Repression und Willkür durch den DFB oder die Polizei werden. Kommt man zu dieser Erkenntnis, hilft eigentlich nur eins, nämlich selbst die Öffentlichkeit wachrütteln und versuchen diese Missstände zu ändern.
So kam es dazu, dass einige Faniniativen für den 16.Juni 2005 zur Demonstration für mehr Fanrechte aufriefen. Die Demo sollte in Frankfurt am Main stattfinden. Ort und Datum waren sehr bewusst gewählt, schließlich sollte am selben Abend das Eröffnungsspiel des Confederation Cups steigen und so konnte man medienwirksam vor der Haustür des Deutschen Fussballbundes für seine Anliegen durch die Straßen ziehen. Dafür nahm man auch in Kauf dass der Termin unter der Woche (ein Mittwoch) vielen die Teilnahme aus beruflichen Gründen verwährt blieb. Dennoch waren es über 1500 aktive Fans aus dem ganzen Bundesgebiet, die den Weg in die Mainmetropole fanden und sich ein T-Schirt in ihren Vereinsfarben überstreiften. Dadurch ergab sich ein sehr farbenfrohes Bild welches von zahlreichen Spruchbändern untermalt wurde. Auf ihnen waren Statements wie "Gegen übertriebene Medienhysterie", "Fussball - Unsere Religion. Zerstört durch Willkür & Repression" oder "Vorhang auf - Knüppel drauf?!" zu lesen. Immer wieder waren auch Slogans wie "Stoppt Polizeigewalt!" oder "Gegen den modernen Fussball" zu erspähen. Doch der Demozug präsentierte sich nicht nur optisch bunt und kreativ, sondern auch lautstark. Immer wieder wurde diverse Parolen skandiert oder gesungen, am beliebtesten waren sicherlich "Fussballfans sind keine Verbrecher" (ebenfalls ein häufiges Plakatmotiv) oder "Gegen Polizeigewalt".
Der Leitspruch der Demonstration "Getrennt bei den Farben - Vereint in der Sache" (auch Rückenmotiv auf den Demoshirts) bewährte sich voll und ganz. Egal ob aus Rostock, München, Köln oder Frankfurt, die Fans von zig unterschiedlichen Vereinen von der Bundes- bis zur Oberliga sangen und marschierten friedlich zusammen und Rivalitäten aus dem Ligaalltag oder alte Feindschaften spielten heute keine Rolle. Jedem schien bewusst zu sein, dass das heutige Anliegen wichtiger als etwaige Dissonanzen war. Dies nahm auch die Polizei zur Kenntnis, die lobende Worte für die friedliche Demonstration fand. Nach einem über zweistündigen Marsch endete die Demo am Frankfurter Hauptbahnhof mit einer kollektiven Humba als "Abschluskundgebung", sowie dem Versprechen, dass dies nicht die letze Aktion für Gerechtigkeit gegenüber Fussballfans war. Und so konnte auch der circa 30köpfige Tross aus Hannover zufrieden die Heimreise antreten.
In den nächsten Tagen gab es sehr erfreuliches bundesweites Medienecho und viele unserer Anliegen, sowie die Missstände im Fussballalltag, fanden den Weg in die Öffentlichkeit. Es gab einige Wochen nach der Demo sogar einen objektiven Bericht über die willkürliche Datei Gewalttäter Sport im ARD-Magazin Monitor, der auch endlich den Nicht-Betroffenen das oft ungeheuerliche Verhalten und Handeln von DFB und Polizei näher brachte. Auch der von Fanseite viel kritisierte Bundesinnenminister Otto Schily bat Fanvertreter zur Audienz und regte die Einrichtung einer Ombudsstelle für Fussballfans an. Inwiefern dies realisiert wird, ist zwar noch vorerst ungewiss, aber generell darf unter anderem dieses schon mal als kleiner Erfolg gewertet werden. Ob sich wirklich etwas ändert, wird allerdings der Ligaalltag zeigen. Und Speksis ist diesbezüglich leider weiterhin mehr als angebracht. Gut zu wissen, dass sich die Fanszenen der Bundesrepublik nicht scheuen werden weiter zu protestieren.

Artikel von mir aus dem Sommer 2005 zur Fandemo in Frankfurt am Main

Stadionverbote in Hannover

11:47, 17-Apr-2007 .. 672 Kommentare .. Link

So manch ein Kurvengänger dürfte sich gegen Dortmund über einen sitzenden und schweigenden N16 gewundert haben. Mit Glück und Konzentration konnte man eine Ansage des Megaphoncapos vernehmen und Dank eines schnell gesprühten Spruchbandes eventuell erschließen, dass dieser spontane Protest irgend etwas mit Stadionverboten zu tun haben müsste. Leider erreichte uns völlig unvorbereitet am Sonnabend vor zwei Wochen die Kunde, dass in diverse Haushalte der Region Hannover ein Einschreiben mit einem bundesweiten Stadionverbot bis 2009 flatterte. Geschockt darüber, dass langjährige Freunde von uns für lange Zeit ausgesperrt werden, überlegte man sich spontanen Protest für die Partie gegen Dortmund. Dieser konnte natürlich nicht mehr in der Kürze der Zeit ausreichend an Außenstehende kommuniziert werden, aber wir sahen keine Alternative zur sofortigen sichtbaren und vernehmbar Aktion. Die Brigade Nord, auch von den Stadionverboten betroffen, schloss sich uns an und es blieb tatsächlich die ersten 10 Minuten fast durchweg gespenstisch still in der Kurve..

Unsere Mannschaft hätte eigentlich eine lautstarke Unterstützung verdient und wir haben bewusst nicht versucht jemandem die von uns gewählte Stille aufzuoktroyieren, aber solange man jederzeit zu Unrecht für lange Zeit von seinem Lebensinhalt ausgeschlossen werden kann, muss man auch mal unangenehme Wege gehen, um auf Mißstände aufmerksam zu machen. Denn unsere Freunde werden nach langen Jahren, in denen sie den Großteil ihres Geldes und all ihr Herzblut in 96 gesteckt haben, weitaus länger als 10 Minuten schweigen müssen.

Auf den Inhalt schwebender Verfahren möchten wir verständlicherweise nicht in diesem Medium eingehen und hier jetzt über Schuld und Unschuld urteilen möchten wir erst recht nicht. So etwas maßen wir uns nicht an. Das machen dagegen seit Jahren die Vereine und die Polizei. Mit Stadionverboten haben sie eine Strafe, die sie an Richtern und Gerichten vorbei verhängen dürfen. Eine Strafe für die ein Anfangsverdacht reicht oder eine Empfehlung selbsternannter Richter in Uniform. Während einer unserer wichtigsten Rechtsgrundsätze die Unschuld solange gelten lässt bis Schuld gesprochen ist, wird hier die Strafe verhängt lange bevor überhaupt klar ist ob eine Anklage erhoben wird.

Argumentiert wird damit, dass es gar keine Strafe sei, sondern eine präventive Maßnahme, um die Sicherheit bei Fußballspielen zu gewährleisten. Leider ist es aber so ziemlich die härteste Strafe, die sich ein Fan vorstellen kann. Jahrelang vom Lebensinhalt und dem sozialen Umfeld ausgeschlossen zu sein, dürfte jeden Fan härter treffen als eine Geldstrafe, Sozialstunden oder eine Bewährungsstrafe. Zwei, drei oder gar fünf Jahre ohne Fußball können unmöglich die angemessene Strafe für eine kleine Verfehlung sein. Von den zahlreichen Fällen, in denen es Unschuldige trifft, ganz zu schweigen.

Und ob die Strafen präventiv sind, steht auch auf einem anderen Blatt. Natürlich kann man für jemanden der schon mal beim Fußball auffällig war (egal ob derjenige jetzt zu Recht oder aufgrund Versagens der Polizeikräfte in den Fokus selbiger gerückt ist), eine größere Gefahrenprognose erstellen, als jemandem der ein völlig unbeschriebenes Blatt ist. Aber ob derjenige wirklich eine Gefahr für die Sicherheit im Stadion ist, sagt irgend ein Polizeiverdacht sicher alles andere als kompetent aus. Zumal die Stadien unserer Tage nicht mehr der Hort der Hooliganschlachten von einst sind und man mit fortschrittlicher Sicherheitstechnik brenzlige Situationen im Keim erkennen und ersticken kann. Die wirklichen Gefahrenherde sind irgendwo außerhalb, wo sich nun vielleicht auch die Jungs mit Stadionverbot aufhalten, um ein bißchen von der geliebten Atmosphäre des Spieltages aufzusaugen.

Solange es eine riesige Dunkelziffer unberechtigter Stadionverbote gibt und die Richtlinien Willkür ermöglichen, muss man diese Richtlinien hinterfragen und nach Lösungen streben, die die Sicherheit beim Fußball nicht unterhöhlen, andererseits aber auch zu transparenteren Maßnahmen und gerechteren Strafen führen.

Das Positionspapier der Frankfurter Fans (nachzulesen unter http://www.fanabteilung.de/portal/downloads/positionspapier-sv.pdf) kann dabei als Diskussionsgrundlage dienen. Ebenso weiß ein Modell des FC St. Pauli zu gefallen, welches zukünftig Anwendung finden soll.

Hier die Eckpunkte dieses Modells:

1. Klarere Trennung von Anhörungsrecht und Erteilung des Stadionverbots: Ähnlich wie bei den Fällen rund um das Chemnitz-Spiel sollen die Betroffenen erst ein Schreiben erhalten, in dem das Stadionverbot angekündigt und der Betroffene zu Anhörung/Stellungnahme gebeten wird.Hierbei soll klar auf die mögliche Hilfe des Fanbeauftragten / Fan-Projekts hingewiesen werden

2. Bei der Erteilung des Stadionverbots soll die Laufzeit abhängig gemacht werden vom Einzelfall: Inhalt und Form der Einlassung des/der Betroffenen, Persönlichkeit und Geschichte des/der Betroffenen, Betrachtung des Vorfalls und dessen Entstehung (statt Katalogisierung nach Straftatbestand).

3. Die Dauer der Stadionverbote soll unter 1 Jahr Dauer liegen, in den meisten Fällen sogar deutlich darunter. Gemäß der Bestimmungen ist eine Aussetzung nach der Hälfte der Stadionverbotsdauer möglich, ggf. gegen Auflagen.

4. Diese Auflagen sollen nicht nur im direkten Umfeld des Vereins liegen, sondern auch in benachbarten Projekten wie bspw. Café mit Herz, BallKult, Bauspielplatz u.ä.

5. Nur in Extremfällen soll ein Ausschuss wie nach dem Chemnitz-Spiel einberufen werden.

(Quelle: Fanladen St.Pauli)

Wir hoffen, dass St.Pauli damit Vorbild für andere Vereine werden kann und die Angst vor willkürlichen Stadionverboten nicht für immer der stete Begleiter des Fußballfans ist.

Artikel zu Stadionverboten aus dem Kurvengedanken Nummer 66 der Ultras Hannover



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