Fußnoten zur Fußballgeschichte

Rudolf-Kalweit-Stadion

{ 20:18, 30-Nov-2008 } { 3 Kommentare } { Link }

Eine der wohl schönsten und vor Atmosphäre und Geschichte nur so strotzenden Fußballstadien nennt der SV Arminia Hannover sein Eigen. Dank eines hervorragenden Beitrages von Christian Wolter (Wolter, Christian: Zur Geschichte der Fußballstadien in Hannover. In: Hannoversche Geschichtsblätter, Neue Folge Band 60, Hrsg. Landeshauptstadt Hannover, Hannover 2006, ISSN 0342-1104, ISBN 978-3-7752-5960-6) konnte ich die Geschichte des Rudolf-Kalweit-Stadions detailliert zusammenfassen:

Stolz wie einst begrüßt der SV Arminia auch heute seine Gäste

Zum Preis von 20,- Mark jährlich hatte die Stadt Hannover einen 1901 erbauten Sportplatz, der sich zirka 300 Meter südlich des heutigen Rudolf-Kalweit-Stadions befand, an den rugbytreibenden SV Merkur 1898 vermietet. Eine Kündigung ereilte den SV Merkur 1909 aufgrund von Wiederaufforstungsmaßnahmen am Rande der Eilenriede. Mit einer Entschädigung in Höhe von 600,- Mark sowie der Parzelle Heidorn XIII 15 bis 17 am Bischofsholer Damm im Rücken war im Dezember 1910 vom SV Merkur ein Sportareal geschaffen worden, dem vergleichbares in der Stadt nur der benachbarte FC Eintracht entgegenstellen konnte. Dem auch durch Kriegsopfer bedingten Spielermangel begegnete der SV Merkur 1898 durch Fusion mit dem im Fußball aufstrebenden FC Arminia am 23. August 1918. Schon 1920 krönte der neue Fusionsklub seinen Boom mit der Norddeutschen Fußballmeisterschaft. Das Aufstreben des Vereins fiel genau in die Zeit des allgemeinen Fußballbooms, der den Bischofsholern 1921 bereits 1.000 Mitglieder beschert hatte. Von diesen 1.000 Mitgliedern war der Großteil in den 24 Fußball- und 12 Hockeymannschaften aktiv. Im Jahre 1921 wurde zudem eine Laufbahn errichtet, und die Erweiterung des Areals durch den Erwerb zweier benachbarter Parzellen glückte. 250.000,- Mark waren bis dahin bereis größtenteils vereinsintern aufgebracht worden. Der epochale gesellschaftliche wie auch sportliche Wandel mag im Spätsommer 1921 auch der Grund für die Trennung der Merkurianer und Arminen gewesen sein, wobei die genauen Hintergründe des Vorgangs nicht überliefert sind. Während es die Merkurianer an die Vahrenwalder Heide zog, hatte der nun in SV Arminia umbenannte Restverein seinen Platz am Bischofsholer Damm gefunden. Das hervorragende sportliche Niveau bescherte dem Verein und mithin dem Stadion in der Zwischenkriegszeit namhafte Gäste wie UTE (heute Ujpest Budapest), Vienna Wien oder Galata-Serail Konstantionopel (Galatasaray Istanbul).

In den 30er Jahren standen die Zuschauer auf der Gegengeraden noch ebenerdig

Der Bau der am 10. August 1924 im Rahmen eines Spiels gegen die SpVgg Fürth (2:2) eingeweihten Tribüne für 800 Zuschauer gab dem Stadion Vorbildcharakter für viele andere Sportstätten. Dabei war die Tribüne aus Holz und Ziegeln und nicht aus Beton errichtet worden, da man diese bei einer eventuellen Pachtkündigung durch die Stadt theoretisch hätte versetzen können. Mit dem Bau der Tribüne war nun das gesamte Sportfeld mit Zuschauerplätzen umgeben, wobei die noch nicht terassierten Stehdämme in etwa die Höhe des Stehbereichs vor der heutigen Tribüne hatten. Trotz der Laufbahn konnte das Stadion mit seinen zirka 10.000 Plätzen (mit Bänken im Innenraum bis zu 12.000) durchaus als reines Fußballstadion aufgefasst werden, da sich diese auch in den Kurven engst an die Spielfeldabmessungen anschmiegte. 1925 genehmigte die Stadt das Anbringen von Reklame. Die Verschuldung durch die Tribüne erforderte dies. Bei schlechtem Wetter reduzierte sich das Zuschaueraufkommen von sonst zirka 6.000 auf ein Drittel. Vermeintlich schlechtere Verbindungen zu den Nationalsozialisten und auch die überraschende Fußballmeisterschaft von Hannover 96 1938, dessen Heimat die nur 700 Meter nördlich befindliche Radrennbahn war, nahmen dem SV Arminia bald die fußballerische Führungsrolle, was natürlich ebenfalls Auswirkungen auf das Zuschaueraufkommen hatte. Nach zügig behobenen Bombenschäden vom 22. September 1943 war das Stadion im Zweiten Weltkrieg später durch Bombentrichter sowie Schäden an der Tribüne und auf den Stehrängen schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Doch zum Start der Oberliga Nord 1947 waren diese Schäden behoben. Mitte der 50er Jahre wurde die Stadionkapazität auf 18.000 erweitert - ein Zuschauerschnitt von um die 6.000 Besucher und ein Andrang im fünfstelligen Bereich bei Spitzenspielen hatte dies erfordert. Den Zuschauerrekord erlebte das Stadion im April 1961 bei dem mit 6:1 vom SV Arminia gewonnenen Aufstiegsspiel zur Oberliga Nord gegen den Bremer SV vor 20.000 Zuschauern. Die Kapazitätserweiterung erfuhr das Stadion durch den Bauunternehmer und langjährigen Paltzobmann Lahmann, der Kriegsschutt aus der Südstadt, die oft als ideelle Heimat der SV Arminia verstanden wurde, zur Erweiterung der Stehwälle auf die heutige Höhe hatte anfahren lassen. Noch immer wird zu seinen Ehren der vom Fanclub 77 stimmgewaltig besetzte nordöstliche Hintertorbereich (-hol, -hol, Bischofshol) als "Lahmann-Hügel" bezeichnet. Die Anlegung echter Ränge in Form von Betonfertigteilen wurde freilich erst im Herbst 1976 nach dem Aufstieg in die 2. Liga Nord durch Freiwillige bewerkstelligt.

Knapp dem Abriss entgangen

Im Jahre 1963 stand die Sportanlage kurz vor dem Abriss, denn die Stadt Hannover wollte den Bischofsholer Damm ausbauen. Doch der Fußballverein weigerte sich die Anlage zu verkaufen und musste dafür die südwestliche Hintertorseite mit 2.500 Plätzen dem Straßenbauprojekt opfern. Mit der Spielfeldverlagerung gen Lahmann-Hügel kam auch das Ende für die ohnehin nie wettkampftaugliche Laufbahn. Diese Maßnahmen berührten das Stadion gleichwohl vergleichsweise geringfügig. Die Stadt hatte zunächst einen Abriss und Neubau eines reinen Fußballstadions mit 22.000 bevorzugt, bei dem das Spielfeld um 90 Grad gedreht und die Haupttribüne zur Hintertortribüne geworden wäre. Das Vorhaben scheiterte an den Baukosten von drei Millionen Mark. Auch ein Umzug an die Hildesheimer Straße wäre denkbar gewesen, womit man wieder zum Nachbarn des SV Eintracht geworden wäre, dessen im Kaiserreich noch vorbildliches und benachbartes Stadion auf der Bult nach dem Zweiten Weltkrieg und der einhergehenden sportlichen Talfahrt des Vereins nicht wieder hergestellt worden war. Heute ist die Lage dieses 1954 eingeebneten Platzes mit seiner 600 Zuschauer fassenden Tribüne nicht mehr erkennbar und das Gelände von den Nebenplätzen des SV Arminia überbaut. Der Name Eintrachtweg als Parallelstraße zum Bischofsholer Damm erinnert jedoch an die dortige Vergangenheit dieses Klubs. Neben den Traversenarbeiten des Jahres 1976 hatte sich das Bild des Stadions Mitte der 70er Jahre zudem durch den Austausch der Tribünenüberdachung gewandelt. 1975 hatte Präsident Otto Höxtermann seine guten Kontakte zu seinem einstigen Verein Borussia Dortmund spielen und von dort auf Tiefladern einen Teil der die Gegengerade des Stadions Rote Erde abdeckenden Überdachung nach Hannover verfrachten lassen, um mit dieser das alte marode Dach zu ersetzen. Nach dem Abriss der sich südlich des Bischofsholer Damms unmittelbar anschließenden Pferderennbahn auf der (Alten) Bult 1970 (1973 wurde vom Hannoverschen Rennverein die Neue Bult in Langenhagen bezogen) ist die Tribüne im Rudolf-Kalweit-Stadion mit ihren Holzbänken trotz ihres "neuen" Dachs die älteste dieser Art in Hannover. Bis zum Jahre 2040 ist die Zukunft des in Erbpacht dem SV Arminia überlassenen Geländes gesichert.

Anfang 2004 wurde das Stadion am Bischofsholer Damm in Rudolf-Kalweit-Stadion umbenannt. Kalweit, ein hannoverscher Gastronom, der 2002 im Alter von 96 Jahren verstorben war, gehörte der Arminia seit 1925 an und hatte dem Verein ein Millionenerbe hinterlassen. Der SV Arminia Hannover als Eigentümer des Stadions umriss den Stellenwert seiner traditionsreichen Anlage im Januar 2008 auf seiner Homepage unter "Philosophie" wie folgt: „Zudem sind wir gewillt, das Rudolf-Kalweit-Stadion für Veranstaltungen mit einem Potential von 5.000 bis 10.000 Zuschauern zu einer in Hannover einmaligen Sportstätte zu machen. Es werden, unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Mittel, fortwährend Baumaßnahmen durchgeführt, um Stück für Stück Komfort, Sicherheit und Optik zu verbessern. Der SV Arminia beabsichtigt, fester Austragungsort für Jugendländerspiele zu werden. Im Rahmen eines in Kooperation mit der Stadt Hannover durchgeführten energetischen Sanierungsprogramms soll in diesem Jahr eine Solaranlage installiert werden, um Energieverbrauch und -kosten zu sparen. Der Verein versucht, hierdurch ein Zeichen für Energiebewusstsein zu setzen“. Die Installation von Wellenbrechern auf der Gegengerade sowie von Leuchtreklame über der Haupttribüne setzte auch optisch bereits nachhaltige Zeichen. In den Rahmen des Bemühens um Sportveranstaltungen mit einem Potential von 5.000 bis 10.000 Zuschauern fallen auch Rugbyländerspiele, die in der Rugbyhochburg Hannover sehr guten Anklang gefunden haben und weiter finden sollen. Zugleich knüpft man damit an die Wurzeln des Stadions an, die beim rugbyreibenden SV Merkur 1898 liegen. Auch mit der Aufnahme der sportartverwandten Amarican Footballer 2006 in den Verein öffnete sich das Stadion neuem Zuschauerzulauf, den die Fußballer in Zeiten der strukturbedingten Monokultur kaum mehr erwirken. Das Stadion ist mit der Linie 6 der Stadtbahn Hannover zu erreichen (Station Bult/Kinderkrankenhaus).

Am Bildrand rechts oben gut zu erkennen: Dieses Foto wurde durch den Zaun vom Fußgängerweg am Bischofsholer Damm aus geschossen - dort wo die Verbreiterung der Straße zur Entfernung der Hintertortribüne geführt hat. Die wenigen Zuschauer begründen sich durch ein Jugendspiel, wenngleich der SV Arminia in der Niedersachsenliga West derzeit auch nur zirka 300 Zuschauer pro Heimspiel mobilisiert. Voller ist es derzeit beim American Football, das jedoch so unschöne Mallinien nach dem Spiel hinterlässt. Irgendwie tragisch, dass ausgerechnet American Footballer im so rugby-traditionsträchtigen Hannover und auch im Stadion, das der Rugby spielende SV Merkur in die Ehe mit den Arminen einbrachte, heute die Oberhand gewinnen.


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