Fußnoten zur Fußballgeschichte

Weltfußballenzyklopädie

{ 15:37, 10-Feb-2008 } { 0 Kommentare } { Link }

Ich bin nicht der erste Rezensent, der fragt, wann Fußballhistoriker und -geograf Hardy Grüne eigentlich schläft. Kein ernstzunehmendes Fußballfachbuch, in dem nicht auffällt, dass gefühlt ein Drittel der herangezogenen Auswahlliteratur Grünes Feder entstammt, sofern nicht Grünes Name selber wieder hervorsticht. Ist dieser Grüne vielleicht gar nicht real, sondern ein verlagsinternes Kunstprodukt, hinter dem sich eine Fülle von Ghostwritern verbergen? Mitnichten. Doch gerade deswegen ist es wieder beeindruckend, wie Hardy Grüne im ersten Teil der Weltfußballenzyklopädie (Europa und Asien; der II. Band wird sich der übrigen Welt widmen) Informationen auf 448 Seiten eng beschrieben auswalzt.

Grünes Wachsen am Themenkomplex Fußball wäre an sich schon Thema einer längeren Abhandlung. Dieses reicht von ersten lexikalischen Übersichten (Who´s who: Deutsche Vereine von 1903-1992) über die ebenso beeindruckende wie historisch unverzichtbare Enzyklopädie des deutschen Ligafußballs bis hin zu vielen vereinsbezogenen Beiträgen, in denen der Leser spürt, dass Grüne die Analogien der allgemeinen Entwicklungen mit lokalen Vorraussetzungen verständig abgleicht. Doch mit der Weltfußballenzyklopädie weist die Kurve erstmals nach unten. Der Autor scheint hier doch einem zu großen Anspruch gefolgt zu sein, Fußballgeschichte und Landesgeschichte der in der UEFA und dem AFC angeschlossenen Fußballlandesverbände miteinander zu vereinbaren. Es ist offensichtlich, dass eine so immense Informationsflut gefiltert werden muss. Gewiss ist es allein logistisch nicht leicht, für derart viele Staaten Informanten oder Korrekturleser zu aquirieren. Im Ergebnis stehen nun jedoch brilliante Landesberichte neben fußballerisch tadellosen, in denen einseitige und mitunter auch falsche historisch-polititsche oder geografische Ansichten kolportiert werden. Historisch völlig falsch ist z.B. die Ansicht, der Landesname Moldawien habe "nichts mit dem zu Rumänien gehörenden historischen Fürstentum Moldau zu tun!". Dass das Fürstentum Moldau sein Zentrum links des heutigen Grenzflusses Pruth hatte ändert nichts daran, dass dieses auch namensgebend für seine rechts des Pruth gelgenen Landesteile war. Auch im Hinblick auf Rumänien fragt man sich, wieso Grüne im Deutschen unbekannte rumänische Begrifflichkeiten wie Dobrogea für die Dobrudscha, Crisana für das Kreischgebiet verwendet oder verschämt das Wort Siebenbürgen in Klammern setzt, während neben dem rumänischen Namen Transilvana sogar der ungarische Name Ardeal für das gleiche Gebiet  nicht in Klammern versteckt wurde. Im Gegensatz zu einer hier eventuell wirkenden Political-Correctness-Falle erläutert Grüne im Falle Italiens zwar, dass der Name Fußball dort eingentlich erst unter Mussolini im nationalen Rückgriff auf ein mittelalterliches Spiel zum modernen "Calcio" wurde, dieses bleibt jedoch ein ideell nicht zu hinterfragender historischer Fakt, wie der Titel dieses Abschnitts "Wo Fußball Calcio heißt" andeutet. Im Falle der Tschechoslowakei verwischt sich der nationale Gegensatz von Tschechen und Deutschböhmen und -mähren auf die unverfängliche Aussage "...war über Jahrhunderte Siedlungsgebiet diverser Volksgruppen". Damit wird dem Eindruck Vorschub geleistet, letztere seien als "Siedler" "Gast" in einem fremdem Kulturraum gewesen. Vor diesem Hintergrund schwebt die Abtretung des Sudetenlandes im ethnisch leeren Raum, während die Vertreibung der deutschen Bevölkerung, die in der Tschechoslowakei größer als die aller Slowaken war und somit bereits den Staatsnamen in Frage stellen müsste, erst gar nicht erwähnt wird. Sie erschließt sich nur indirekt durch das Fehlen deutscher Vereine im weiteren Verlauf. Grüne täte besser daran, sich auf seine Ruf als lexikalischer Grundsteinleger zu konzentrieren oder eben im textlastigeren Bereich die eigentlich hoch interessante Verzahnung von Sport und Politik nicht mit einem zu hohen Anspruch zu überfrachten. Dies könnte gelingen, wenn nicht überall eine fast beängstigende Ehrfurcht vor einem eigentlichen Sieg homogener Nationalstaaten erkennbar wäre. Wie sonst erklärt sich die unendlich komplizierte Darlegung der Beschreibung der ukrainischen Fußballwiege Lemberg? "(...) kommt Lwiw die Rolle der Fußballwiege zu. Die Stadt, die im 20. Jahrhundert mehrfach den Besitzer wechselte und dabei zwischen den Namen "Lemberg" (deutsch), "Lwów" (polnisch) sowie "Lwow" (russisch) schwankte, war zur Jahrhundertwende ein kultureller und ethnischer Schmelztiegel". Genau vor diesem Hintergrund fragt es sich dann, wieso Lemberg heute nur "Lwiw" sein soll. Überdies: Hätte hier Genauigkeit regiert, hätte Grüne transliteriert und nicht transskripiert von Lviv schreiben müssen. Aber erhlich, müssen fünf verschiedene Formen her, wenn in der deutschen Sprache die Konstante Lemberg bleibt? Hat der Nationalismus doch seinen späten aber publizierten Willen gefunden? Grüne steht am Scheideweg. Fußballgeschichte oder Wissenschaft. Sollte die Wissenschaft im Vordergrund stehen, wäre wissenschaftliche Ausgewogenheit von Nöten. Das alles macht aus der Weltfußballenzyklopädie kein schlechtes Werk. Der I. Band bleibt ein riesiger Fundus an interessanten Zusammenhängen mit vielen Kuriosita, für die man Grünes Bücher allein schon lieben muss. Mehr denn je fordert Grüne jedoch einen kritischen Leser. Ähnlich der Wikipedia im Internet finden sich Antworten auf eigentlich alle Fragen. Doch vieles bahnt sich auf diesem Wege auch zur Wahrheit, die sie nicht ist.


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